_new forms of destinction_from subculture to streetculture_

_english text below_

Die Kanäle aus dem Untergrund in die Designateliers der Luxuslabels sind stabil geworden. Modische Aussagen und Stile, die im  Untergrund entstanden sind, werden immer von dem an frischen und authentischen Ideen süchtigen Mainstream adaptiert. Es entsteht ein stilistischer Dialog von Untergrund und Mainstream.

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Dior Homme Winter 2018

Die mittlerweile aus dem Modebild nicht mehr wegzudenkende Jogginghose ist ein gutes Beispiel dafür. Dieser Kleidertyp ziegt den Einfluss der Straße deutlich und steht neben der MA-1 Bomberjacke wie kein anderer für Streetculture, Musikszene, Hip Hop, aber auch für Workwear, Sport und Sportikonen.

Kleidungsstücke aus Sweatwaren, wie Sweatshirts, Jogginghosen und Hoodies wurden in den 1930- iger Jahren von der Firma Champion als wärmende und vor allen waschbare Unterwäsche für Arbeiten in Kühlhallen und Schlachthöfen entwickelt. Die Kleidungstücke aus Baumwolle sollten die bis dato weit verbreitete Wäsche aus Wolle ablösen. Außerhalb dieser Ausgangslage begann der Siegeszug dieser Kleidertypen später mit Zwischenstationen auf den Sportplätzen und in den Sportstudios, bevor ihr Triumph in der Welt der Streetculture begann.

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Gucci Winter 2018

Warum ist Streetwear für die Modewelt eine derart wichtige Inspirationsquelle geworden? Meiner Beobachtung zufolge, hat dieser Umstand zwei Handlungsstränge.

Zum einen möchte ich einen Blick auf modische Vorbilder werfen und dies mit der Frage verknüpfen, welche gesellschaftlichen „Peergroups“ Potential für eine modische Identifikation bieten? Zum anderen werden unsere Dresscodes immer mehr „casual“ und zunehmend freier von gesellschaftlicher Konvention.

Waren noch bis in die späten 1960- iger Jahre Persönlichkeiten aus Großindustrie, Politik und Adel Inspirationsquelle für den gesellschaftlichen Mainstream von Mode und Lifestyle, so hat sich dies seit den Studentenunruhen 1968 und der darauf folgenden zunehmenden Infragestellung althergebrachter Macht- und Einflusspositionen komplett geändert. Heute spüren wir vielmehr den modischen Einfluss der Jugend, der Strassen- und Nightlifekultur, der Sportikonen und der Musik- und Schauspielerszene. In diesen Umfeldern werden modische Strömungen geboren und wieder abgelegt. Die sogenannte gesellschaftliche Elite folgt der Mode verspätet und in stark abgemilderter Form.

Die Wandlung des Einflusses der Streetculture auf das Erscheinungsbild der gesellschaftlichen Eliten wird am Beispiel des Images von „Casual“ deutlich.  Die Außenwirkung der Führungspositionen großer Konzerne hat sich derart gewandelt, dass nach der Vorreiterrolle von Steve Jobs, der seine Produktpräsentationen frei sprechend ohne ein Rednerpult in Pullover und Chino- Hose abhielt, es auch die Marketingstrategen von Mercedes- Benz für angemessen hielten, ihrem Vorstandsvorsitzenden Dieter Zetsche, ein „more Casual“ Image mit Jeanshose, Hemd ohne Krawatte und locker geschnittenem Jackett zu verpassen.

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Off White_Winter_2018

Die neue Definition von Kleiderkonventionen entspricht auch einer Wandlung in der Arbeitswelt. Am Arbeitsplatz finden wir zunehmend flache Hierarchien vor, das „Du“ in der Anrede ist mittlerweile nicht mehr nur in Kreativbetrieben und der Theaterszene zu Hause. Immer mehr Mitarbeiter arbeiten mindestens teilweise im „Home Office“. Auch das Streben nach Karriere und wirtschaftlichem Erfolg wird neu verhandelt. So wollen immer mehr Einsteiger im Beruf Familie, Freunde und Freizeit miteinander vereinbaren und verzichten dafür auf eine bedingungslose Karriere.

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Vetements Winter 2018

Streetwear und die damit verbundenen Kleidertypen verlassen die Straße und sind mittlerweile Standard für breiteste Bevölkerungsgruppen geworden, weil deren stilistische und emotionale Aussage verstanden wird und gelebt werden kann.

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Off White Summer 2019

_english text_

The channels from the underground into the design studios of the luxury labels have become stable. Fashionable statements and styles that have emerged in the underground are always adapted by the mainstream, which is addicted to fresh and authentic ideas. The result is a stylistic dialogue between the underground and the mainstream.

The now indispensable from the fashion picture sweatpants is a good example. This type of clothing clearly shows the influence of the street and is next to the MA-1 bomber jacket like no other for street culture, music scene, hip-hop, but also for workwear, sports and sports icons.

Sweatwear garments, such as sweatshirts, jogging pants and hoodies, were developed by the company Champion in the 1930s as warming and, above all, washable underwear for work in cold stores and slaughterhouses. The clothes made of cotton should replace the hitherto widespread wool laundry. Outside of this starting position, the triumph of these types of clothing began later after a stopover on the sports fields and in the sports studios, before their triumph began in the world of street culture.

Why has streetwear become such an important source of inspiration for the fashion world? According to my observation, this circumstance has two storylines.

Why has streetwear become such an important source of inspiration for the fashion world? According to my observation, this circumstance has two storylines.

On the one hand, I would like to take a look at fashionable role models and link this with the question of which social „peer groups“ offer potential for a identification in terms of fashion? On the other hand, our dress codes are becoming more and more „casual“ and increasingly freer from social convention.

While personalities from industry, politics and the nobility were sources of inspiration for the mainstream of fashion and lifestyle until the late 1960s, this has changed completely since the student unrest of 1968 and the subsequent questioning of traditional positions of power and influence. Today we feel the fashion influence of youth, street and nightlife culture, sports icons and the music and actors. In these environments, fashionable currents are born and put aside again. The so-called social elite follows the fashion later and in a much mitigated form.

The transformation of the influence of street culture on the appearance of the social elites is illustrated by the example of the image of „Casual“. The external impact of the leading positions of large corporations has changed so much that after the pioneering role of Steve Jobs, who freely held his product presentations without a lectern in pullovers and chino pants, the marketing strategists at Mercedes-Benz also considered it appropriate to their CEO Dieter Zetsche, a „more casual“ image with jeans, shirt without a tie and a loose-fitting jacket.

The new definition of clothing conventions also corresponds to a change in the world of work. In the workplace we find increasingly flat hierarchies, „you“ (using „Sie“ is a very German way showing respect to some person) in the salutation is now no longer only in creative companies and the theater scene at home. More and more employees work at least partially in the „home office“. Also the pursuit of career and economic success is renegotiated. Thus, more and more beginners in the profession want to combine family, friends and leisure with each other and renounce for an unconditional career.

Streetwear and the associated types of clothing are leaving the streets and have become standard for the widest populations because their stylistic and emotional message is understood and can be lived.

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Vetements Winter 2018

 

 

_new forms of distinction_from bourgeoisie to subculture_

_english text below_

Beim Durchblättern diverser Modeinformationskanäle sehe ich nach wie vor Sportswear- und Streetweareinflüsse.  Daneben stehen Referenzen an die siebziger, achtziger und neunziger Jahre. Mit der Dior Men`s Wear Kollektion von Kim Jones, die uns in Richtung Zukunft beamt, zeichnen sich weitere starke Trends ab.

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Gucci_2018

Doch woher kommt der starke Einfluss von Streetwear und Sportswear?

Mode und die daraus resultierenden Kleiderstile entwickeln sich meist evolutionär und weniger, wie es uns die Modemagazine und die zahllosen Modeblogger aus marketingtaktischen Gründen glauben machen wollen, revolutionär. Unser heutiges Kleiderverständnis ist geprägt von dem historischen Prozess der Entwicklung soziologischer Vorbildfunktionen und Machtpositionen und der Akzeptanz oder der Ablehnung eben dieser.

Seit der industriellen Revolution um 1870 prägt das Industriebürgertum im Sinne des Bewahrens der Machtpositionen des Ancien Regimes die stilistische Akzeptanz von Kleiderbasistypen und vor allem das bürgerliche Kleider- und Rollenverständnis. Das ist für die Frau das „Kleid“ und den Mann der „Anzug“. Mode im konservativen Sinne bedeutet seither, dass der Mann seinen Reichtum modisch über die Kleider und Accessoires seiner Frau ausdrückt. Besonders die Kleiderform des Anzugs ändert sich stilistisch nur noch in Details. Es entstand eine angepasste Männermode, deren Ausdruck von Fleiß, Disziplin und puritanischem Verzicht geprägt war.

Mit dem Einfluss der Jugendkulturen, die als eigenständiges Genre seit den 1950- iger Jahren in der Mode wahrgenommen wird, fängt die zuvor stillschweigend akzeptierte Machtposition zwischen dem Großbürgertum und der Arbeiterschicht zu bröckeln. Das findet auch seinen Ausdruck in der Mode. Vereinfacht sahen vor dem Beginn der Jugendkulturen die Teenager aus wie Eltern, nur eben jünger mit weniger faltiger Haut. Jugend bekommt in dieser Zeit seine eigene stilistische Kodierung. Mit ihr begann der Stolz ihre Andersartigkeit möglichst offensiv zur Schau zu tragen.

Die Geschichte der klassischen Subkulturen kennen wir alle. Seit 1982 gilt Jugendkultur als Ideenreservoir der Modeindustrie, die in dieser Zeit an einer Phase der Ideenlosigkeit litt. Damit begann auch die kommerzielle Ausbeutung verschiedenster Subkulturen. Gleichzeitig brannten sich neue Archetypen von Kleidung in die kollektive Imagination.

_english text_

As I browse through various fashion information channels, I see lots of sportswear and streetwear influences. There are also references to the seventies, eighties and nineties. With the Dior Men`s Wear Collection by Kim Jones, which is beaming us towards the future, there are further strong trends.

But where does the strong influence of streetwear and sportswear come from?

Fashion and the resulting styles of garments are developing evolutionarily and less, as the fashion magazines and the countless fashion bloggers want to make us believe for marketing reasons, revolutionary. Our understanding of clothing today is shaped by the historical process of the development of sociological role models and positions of power and their acceptance or rejection.

Since the industrial revolution of 1870, industrial bourgeoisie has shaped the stylistic acceptance of types of clothing base and, above all, the bourgeois understanding of garments and  gender roles in the sense of preserving the positions of power of the ancien regime. This is the „dress“ for the woman and the „suit“ for the man. Fashion in the conservative way of thinking means since then that the man expresses his wealth with the fashionably clothes and accessories of his wife. Especially the dmen`s suit changes stylistically only in details. The result was an adapted menswear whose expression was characterized by diligence, discipline and Puritan renunciation.

With the influence of youth cultures, which has been perceived as an independent genre since the 1950s in fashion, the previously tacitly accepted power position between the upper bourgeoisie and the working class begins to crumble. This also finds its expression in fashion. Simply spoken, before the onset of youth culture, teens looked like parents, just younger with less wrinkled skin. Youth gets his own stylistic coding during this time. With this, the pride began to show off the otherness as aggressively as possible.

We all know the history of classical subcultures. Since 1982, youth culture has been regarded as a reservoir of ideas for the fashion industry, which at this time was suffering from a period of lack of ideas. This also began the commercial exploitation of various subcultures. At the same time, new archetypes of clothing burned into the collective imagination.

 

 

 

 

 

 

 

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Balenciaga

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Balenciaga
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Off White
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Off White
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Vetements

_new forms of distinction_traditions of rebellion_

_english text below_

Punk war wohl der rebellischte und gleichzeitig plakativste aller Jugenduntergrundkulturen bis 1982, also der subkulturellen Klassik. Das stereotype Punk- Image, das in unserem kollektiven Imaginären verblieben ist, ist mittlerweile auf mit Nieten, Kritzeleien und „Buttons“ übersäte Perfecto- Motorradlederjacken und den nicht zu übersehenden Irokesenschnitt reduziert.

Besonders der frühe Punk spielte sehr subtil und gleichzeitig äußerst eindeutig mit stilistischen Kodierungen und Dekontextualisierungen.

Was ist Dekontextualisierung? In unserem Verständnis der Kleiderkommunikation im Sinne des kollektiven Imaginären sind visuelle, olfaktorische und auditive Zeichen wahrnehmbar, dechiffrierbar und individuell deutbar.

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Johnny Rotten 1979

Auf dieser Basis beginnt auf dem T- Shirt von Johnny Rotten ein sehr kreatives Spiel mit den Zeichen der Druckmotive. Als Überschrift lesen wir „Destroy“, ob als Handlung, Aufforderung oder das Individuum selbst betreffend, bleibt unklar. Die Briefmarke mit der englischen Königin Elizabeth II ist ein Symbol für die Macht des Staates. Das Drucken von Briefmarken ist der Staatsgewalt vorbehalten und ein Missbrauch streng verboten. Das Kreuz als Zeichen der Kirche ist auf dem Kopf und kann in dieser Form der Darstellung als satanisch verstanden werden. Das Hakenkreuz im Hintergrund ist ein Zeichen der Provokation. Ich möchte erwähnen, dass Hakenkreuzsymbole im frühen Punk, aber genauso im Hardrock und Heavy Metal in den End 1970- iger Jahren häufige Verwendung fanden.

All diese Zeichen sind aus ihrem Kontext genommen dennoch ist ihre eigentliche Bedeutung wahrnehmbar. Durch die Kollage entsteht ein neuer Zusammenhang und eine anarchistische Form des „Storytelling“. Der Betrachter kann diesen neu geschaffenen Zusammenhang  empfinden und deuten und so seine eigene Geschichte aus der individuellen Wahrnehmung heraus für sich selbst erzählen.

Das Modelabel Vetements folgt dieser anarchistischen Tradition. Das Stilmerkmal der Dekontextualisierung wird hier in Form von Umschlägen von Reisepässen als Schuhleder verwendet. Der Reisepass ist ein Zeichen der Autorität eines Staates, er ordnet Menschen Nationalitäten zu und bestimmt gleichzeitig die individuelle Freizügigkeit. Der Pass ist Zeichen der staatlich lesbaren Identität einer Person. Den Schuh kann man als einfachstes Mittel des physischen Vorwärtsschreitens sehen. Ohne die Erfindung von Schuhen wäre die globale Besiedlung unseres Planeten durch die Menschheit nicht möglich gewesen. Bringt man diese Handlungsstränge zusammen, so entsteht eine sehr subtile Geschichte mit anarchistischem Potenzial. Die Stränge der Handlung entstehen spielerisch aus der Kommunikation von Kleidung und ihrer Zeichen.

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Vetements_AW-2018

Punk was probably the most rebellious and at the same time most striking of all youth underground cultures until 1982, ie the subcultural classic. The stereotypical punk image that has remained in our collective imaginary, with rivets, scribbles and „buttons“ laced with Perfecto motorcycle leather jackets and the not to be overlooked mohawk.

Especially the early punk played very subtly and at the same time very clearly with stylistic codes and decontextualizations.

What is decontextualization? In our understanding of dress communication in the sense of the collective imaginary, visual, olfactory and auditory signs are perceptible, decipherable and individually interpretable.

On this basis, the Johnny Rotten T-shirt starts a very creative game with the characters of the print motifs. As headline, we read „Destroy“, whether as an action, solicitation or the individual himself, remains unclear. The stamp with the English Queen Elizabeth II is a symbol of the power of the state. The printing of stamps is reserved for the state and abuse is strictly forbidden. The cross as a sign of the church is upside down and can be understood in this form of representation as satanic. The swastika in the background is a sign of provocation. I would like to mention that swastika symbols were often used in early punk, but also in hard rock and heavy metal in the late 1970s.

All these signs are taken out of context, yet their true meaning is perceptible. Collage creates a new context and an anarchic form of „storytelling“. The viewer can feel and interpret this newly created context and thus tell his own story for himself from the individual’s perception.

Fashion label Vetements follows this anarchist tradition. The stylistic feature of decontextualization is used here in the form of envelopes of passports as shoe leather. The passport is a sign of the authority of a state, it assigns people to nationalities and at the same time determines the individual freedom of movement. The passport is a sign of the state-readable identity of a person. The shoe can be seen as the simplest means of physically advancing. Without the invention of shoes, humanity’s global occupation of our planet would not have been possible. Bringing these storylines together creates a very subtle story with anarchistic potential. The strands of action playfully emerge from the communication of clothing and its signs.

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Vetements_AW_2018

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_off white_title „incomplete“_most inspiring men‘s wear collection_EDFC23CD-9CCC-4223-AD19-B87E3C150FF14320FC1D-3328-4864-8CD7-A33812CB6CF8199B8513-6410-40DE-BB22-934BB343D6F25558DE96-4F14-4340-95C8-93CEEB5A0A40E751F092-13DA-462E-9FEC-D0E0F37080EF991A1FA4-D531-433F-8F23-8CD3E803C3CC3B3FF2AA-F10C-4898-A0D6-5C6F5F234E85

_“and“ is the new conjunctional word of inspiration in fashion_

_english text below_

_ it`s all about sharing_ Die Sharing- Kultur der Generation Z und der Millennials liebt es sich zu verbinden und erlebte Eindrücke mit Hilfe sozialer Medien zu teilen. Einblicke in den Genuss von Netflixserien und diverser Speisen, Befindlichkeiten beim urbanen unterwegs sein, oder Emotionen beim sich einfach „schön“ und manchmal auch „hässlich schräg drauf sein“ finden. Das Gefühl verbunden zu sein scheint zentral. Weniger die Abgrenzung als vielmehr die Gemeinschaft zählt.

In diesem Kontext der Verbundenheit in einer digitalen Gemeinschaft erklären sich neue modische Strömungen. Das Verständnis im Umgang von modischer Inspiration ist immer weniger von stilistischen Kontrasten geprägt.

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VETEMENTS

Das Wort „UND“ im Sinne einer Verbindung und der Gleichzeitigkeit der Stilelemente wird zunehmend für den kreativen Umgang mit Mode wichtig. Auf der Premiere Vision in Paris im September 2018 stolperte ich beim Lesen der Texttafeln, die modische Stimmungen beschreiben sollen, vermehrt auf das Wort „UND“. Die Wortpaare lauteten zum Beispiel „serious and passionate“, „industrial and poetic“, nourishing and sturdy“, „toxic and troubling“, oder massive and instinctive“. Das verbindende Wort „UND“ macht die Wortkombinationen, die uns als Designer inspirierenden Umgang mit Farbe, Texturen und Style nahe bringen wollen, neu. In den vergangenen Jahren hätte man die Worte im Sinne eines stilistischen „Versus“, also einem Gegeneinander, einem direkten stilistischen Kontrast aufbauend,  gebraucht.

Was bedeutet dieses Wort „UND“ für kreative Prozesse in der Mode?

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GUCCI_SS_2019

Roland Barthes zerlegt in seinem Buch „Die Sprache der Mode“ die Wahrnehmung von Kleidung in einzelne sehr feine Handlungsstränge. Aus dieser kommunikativen Wahrnehmung entsteht unser „kollektives Imaginäres“. Handlungsstränge können die Deutung von Farben, von stofflichen Texturen, aber auch Formen der Verarbeitung und der Schnitte sein, bis hin zu Silhouette und Proportionen sein. Dazu kommt noch das Styling, also Haare, Make- up und Accessoires, wie Schuhe, Handtaschen und zum Beispiel Schals und auch das Model, oder die Träger*in des Looks. Die soziale Komponente von Mode befeuert diesen Prozess der imaginativen Wahrnehmung.

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STELLA MC CARTNEY

_bring it together_ Das Wort „UND“ wird zum Bindeglied der Gleichzeitigkeit der Stilelemente. Kann eine modische Aussage gleichzeitig traditionell, technisch, industriell und voll von exzentrischer Nonchalance sein? Bei der Imagination der Begrifflichkeiten entstehen sofort Bilder, wie Tradition, Technik…. aussehen könnten. Es entstehen imaginative Bilder, die zum Beispiel Tradition mit Materialitäten, Farbigkeiten, Modellen, Verarbeitungen und so weiter beschreiben können. Das können wir für jedes der inspirierenden Worte tun und es entsteht ein sehr komplexes Bild, wie ein Look in diesem Kontext aussehen kann. Imagination und Fantasie sind von Mensch zu Mensch nicht uniform. Die dadurch auftretende Unschärfe ist ein Gradmesser für die Vitalität in der Mode. Alle stilistischen Kodierungen werden geteilt und spielerisch sich einander respektierend neu zusammengefügt, um neue kreative Konstellationen auszuloten.

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BALENCIAGAAW 2018
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PREMIERE VISION
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VETEMENTS AW 2018
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BALENCIAGA AW 2018

_ it`s all about sharing_ The sharing culture of Generation Z and the Millennials loves to connect and share their experiences with the help of social media. The enjoyment of streaming entertainment, or having a good meal, or being around in an spectacular cool  way, or sharing emotions, like feeling simply „beautiful“ and sometimes „ugly oblique“ to be documented by film or photo and then to be shared. The feeling of being connected seems central. Less the demarcation than the community counts.

In this context of connectedness in a digital community, new fashion trends are emerging. The understanding in dealing with fashion inspiration is less and less influenced by stylistic contrasts.

The word „AND“ in the sense of a connection and the simultaneity of style elements is increasingly important for the creative handling of fashion. At the Premiere Vision in Paris in September 2018, I stumbled while reading the text panels, which are to describe fashionable moods, increasingly on the word „AND“. The word pairs were for example „serious and passionate“, „industrial and poetic“, „nourishing and sturdy“, „toxic and troubling“, or massive and instinctive „. The connective word „AND“ re-creates the word combinations that seek to bring us closer to being designers, inspiring color, textures and style. In recent years, the words would have been used in the sense of a stylistic „Versus“, that is, a contrast to each other, building up a direct stylistic contrast.

What does this word „AND“ mean for creative processes in fashion?

Roland Barthes dissects the perception of clothing into very fine storylines in his book „The Language of Fashion“. Out of this communicative perception arises our „collective imaginary“. Plots of action can be the interpretation of colors, of material textures, but also forms of processing and cuts, up to silhouette and proportions. Add to that the styling, ie hair, make-up and accessories, such as shoes, handbags and, for example, scarves and also the model, or the wearer of the look. The social component of fashion fuels this process of imaginative perception.

_bring it together_ The word „AND“ becomes the link of the simultaneity of the style elements. Can a fashion statement be traditional, technical, industrial, and eccentric nonchalance at the same time? Imagination of concepts immediately creates images of how tradition, technology, etc. could look. Imaginative images emerge that can, for example, describe tradition with materials, colors, models, processes and so on. We can do that for any of the inspirational words, and it creates a very complex picture of what a look can look like in this context. Imagination and fantasy are not uniform from person to person. The resulting blurs, but it is a measure of vitality in fashion. All stylistic codifications are shared and playfully re-assembled in order to explore new creative constellations.

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PREMIERE VISION 2018
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VETEMENTS AW 2018
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PREMIERE VISION 2018

 

 

_brainstorm_

_seventies vibe or eighties core… different attitudes needed_

 

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Fendi
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Vetements

 

_new forms of distinction_three_enjoy digital worlds_

_english text below_

_„enjoy digital worlds“. Es sind wieder einmal digitale Medien, die Bedürfnisse nach Distinktion der Millennials und der Generation Z verschärft auf den Punkt bringen. Soziale Medien, Instagram steht hier an erster Stelle, versorgt die digitale Gemeinde in einem 24/7 Rhythmus mit neuen und frischen Ideen, die sich zwingend aus der Endlosigkeit des Bilderflusses abheben müssen. Dieser Fakt hat einen direkten Einfluss auf die Auswahl von Kleidung und das Design. Wahrnehmbarkeit in einer unendlichen Bilderwelt steht an erster Stelle. Styling wird essentiell. Individuell schräg wird zum Mantra.

In den digitalen Welten definieren sich die Begriffe von Inklusivität und Exklusivität als Einzigartigkeit und personalisierter Selbstinszenierung. Die Elterngeneration dachte noch in Termini von Gruppenzugehörigkeit, elitärer Exklusivität, Abgrenzung von  gesellschaftlichen Schichten und Status.

Der Einfluss von Street- Wear und Hip Hop- Kultur auf die Mode zeigt uns die enorme Diversität der heutigen Generation und deren modischen, kulturellen, ökonomischen, finanziellen und sozialen Ausdrucksformen. Oversized Silhouetten, der Turnschuh dient gleichzeitig als Standard und als Objekt der Begehrlichkeit, sowie ambi- und multikulturelles Design in allen modischen Genres von der Welt des Luxus bis in die Street- Styles sind Anzeichen für ein demokratisches und offenes Modeverständnis.

Das deutlichste Zeichen dafür ist der Turnschuh. Alle Luxuslabels von Balenciaga bis Louis Vuitton  verwenden ihre Sneaker als Brücke zu dieser neuen Generation von Konsumenten. Sneaker sind die perfekte Bühne für die Demokratisierung von Mode.

Immer mehr Menschen kleiden sich 24/7 „casual“. Dies ist ein Zeichen für das Verschwimmen von Grenzen zwischen der Kultur der Straße mit all ihrer gestalterischen Freiheit und der Welt des Luxus. Demna Gvasalia hat diesen Umstand wohl als einer der ersten mit seinem DHL Sweatshirt für Vetements erkannt. Die Botschaft von Mode muss nicht mehr länger auf Exklusivität und dem damit verbundenen Kleidervokabular, das die bürgerliche Vormachtstellung in der Gesellschaft ausdrückt, basieren. Millennials lieben vielmehr Ironie, Schrägheit im Style, Rebellion gegen die Mechanismen der Mode- Industrie, ironische Bezüge zu Mainstream- Marken und ein Zusammenspiel von POP- Kultur und Mode.

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Maison Margiela AW 2018
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Prada AW 2018
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Vetements AW 2018
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Vetements AW 2018
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Givenchy AW 2018
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Balenciaga AW 2018
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Maison Valentino AW 2018
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Vetements AW 2018
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Vetements AW 2018
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Gucci SS 2019

_ „enjoy digital worlds“. Once again, it’s digital media that brings the need for distinction of the Millennials and Generation Z to the point. Social media, Instagram is the number one priority, providing the digital community with new and fresh ideas in a 24/7 rhythm, which must necessarily stand out from the endless flow of images. This fact has a direct influence on the choice of clothing and the design. Perceptibility in an infinite world of images comes first. Styling becomes essential. Individual oblique becomes a mantra.

In the digital worlds, the concepts of inclusiveness and exclusivity are defined as uniqueness and personalized self-presentation. The parent generation still thought in terms of group affiliation, elitist exclusivity, demarcation of social layers and status.

The influence of street wear and hip hop culture on fashion shows us the enormous diversity of today’s generation and its fashionable, cultural, economic, financial and social expressions. Oversized silhouettes, the sneaker serves as a standard and an object of desire, as well as ambi- and multicultural design in all fashionable genres from the world of luxury to the street styles are signs of a democratic and open fashion understanding.

All above the sneaker. All luxury labels from Balenciaga to Louis Vuitton use their sneakers as a bridge to this new generation of consumers. Sneakers are the perfect stage for the democratization of fashion.

More and more people dress 24/7 „casual“. This is a sign of the blurring of boundaries between the culture of the street with all its creative freedom and the world of luxury. Demna Gvasalia has probably recognized this as one of the first with his DHL sweatshirt for vetements. The message of fashion no longer has to be based on exclusivity and the associated clothing vocabulary that expresses bourgeois supremacy in society. Rather, Millennials love irony, bias in style, rebellion against the mechanisms of the fashion industry, ironic references to mainstream brands, and an interplay of POP culture and fashion.

_new forms of distinction_two_sharing is caring_

_english text below_

_„sharing is caring“, teile deine Gedanken, teile deine Looks, definiere Besitz neu. Das Streben nach Besitz verbunden mit dem Gefühl von Leistung und des Erfolgs handeln Großteile der Generation Z und der Millennials, also die jetzt um die 20- Jährigen neu aus.

Viele von ihnen glaubt an die „sharing economy„. Warum sollte man CDs und DVDs kaufen, wenn es Streamingdienste wie Spotify oder Netflix  gibt? Warum ein Auto in Zeiten des Carsharing besitzen? Warum Kleidung besitzen, wenn ich diese für einen kleinen Beitrag mieten kann? Und wenn ich sie Besitz habe, so kann ich sie auf dem boomenden Luxus-Secondhand- Markt verkaufen.

Diese Generation liebt es leicht zu leben und entzieht sich lieber den Belastungen und der Verantwortung des Eigentums. Dieser Protest ist ein Merkmal von Distinktion, zumal die Elterngeneration der Millennials sich sehr stark über die Verknüpfung von Besitz und Leistung definiert hat.

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Vetements AW 2018
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VetementsnAW 2018

_“sharing is caring“_, share your thoughts, share your looks, redefine possessions. The pursuit of ownership coupled with the sense of achievement and success is being negotiated by large parts of Generation Z and the Millennials, ie the 20-year-olds now.

Many of them believe in the sharing economy. Why buy CDs and DVDs when there are streaming services like Spotify or Netflix? Why own a car in times of car sharing? Why own clothes if I can rent them for a small contribution? And if I own them, I can sell them on the booming luxury second-hand market.

This generation loves to live easily and prefers to avoid the pressures and responsibilities of property. This protest is a feature of distinction, especially as the Millennials‘ parent generation has been very much defined by the link between ownership and achievement.

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Vetements AW 2018
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Vetements AW 2018
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Balenciaga AW 2018
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Gucci SS 2019
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Gucci SS 2019
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Gucci SS 2019